Freitag, 24. Oktober 2008

Revolution liegt in der Luft

Georg Woyzeck - Woyzeck auf der Suche nach Büchner

Ich muss zugeben, ich hätte nicht gedacht, dass mich ein "Provinztheaterstück" so beeindrucken kann. Gestern abend hab ich mir die Vorstellung im Streibl-Saal in Dorfen angesehen. Der Autor Leonhard M. Seidl aus Isen und sein Darsteller Christian Theis haben mich gleichermaßen beeindruckt.
Theis ist ausdrucksstark und intensiv in seiner Darstellung. Die Leichtigkeit, mit der er dabei in die verschiedensten Rollen schlüpft, ist brilliant.
Die Adaption des Themas durch Seidl ist einzigartig und beweist, wie zeitlos der Woyzeck-Stoff tatsächlich ist.

Soweit die Theaterkritik.
Die "Nachbesprechung" des Stücks bei einem gepflegten Bierchen führte unser Gespräch aber schnell zum aktuellesten Thema: die Finanzkrise. Und zum Entschluss, dass es eigentlich mal wieder an der Zeit für eine Revolution wäre. Schließlich war Dorfen ja schon der Schauplatz des berühmten Bierkriegs von 1910, wo sonst könnte man also die neue Revolution ausrufen?

Aber ist eine Revolution eine gangbare Alternative zum lethargischen besser-nichts-tun-und-alles-hinnehmen des Untertans? Die Revolution frißt ja bekanntlich ihre Kinder. Und eigentlich weist die Geschichte nicht besonders viele erfolgreiche Revolutionen aus.
  • Die amerikanische Revolution von 1776 war in sich erfolgreich, brachte die Formulierung der Menschenrechte und die Etablierung der westlichen Demokratie. Die Schattenseiten: Völkermord an der indianischen Urbevölkerung und neuerdings den amerikanischen (Wirtschafts-)Imerpialismus samt internationaler Finanzkrise. Eine Erfolgsstory?
  • Die französische Revolution von 1789 - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!
    Aber auch Schreckensherrschaft des Konvents, Guillotine und schließlich das Kaisertum Napoleons. Die Revolution frißt ihre Kinder und gebirt den eigentlichen ersten Weltkrieg! Samt Völkerschlacht, Waterloo, Wiener Kongreß und Restauration.
  • Die kommunistische Revolution von 1917/1918
    In Bayern überstand die revolutionäre Räterepublik mal gerade 1 Monat, in Russland hielt sich das kommunistische Regime immerhin 74 Jahre. Die Folge: mehr als 12 Millionen Opfer der stalinistischen "Säuberungen", blutige Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR 1953, in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968.
  • Die "braune" Revolution von 1933. Wahrlich kein Ruhmesblatt deutscher Geschichte, aber auch dies eine in sich erfolgreiche Revolution. Auch wenn 1000 Jahre komprimiert in einem Zeitraum von 12 Jahren stattfinden mußten. Und die Folge ein echter Weltkrieg mit 60 Millionen Toten war.
  • Die chinesische kommunistische Revolution von 1949. China ist heute in etwa so kommunistisch wie Oer-Erkenschwick. Eigentlich ist in China immer noch alles so, wie es seit tausend Jahren war. Das chinesische System ist ein konfuzianisches System, nur der Kaiser wurde durch den Parteichef ersetzt, ansonsten blieb alles beim alten, aller Kulturrevolution zum Trotze. Die Revolution hat hier also gar nicht statt gefunden...
Revolution - Revolution ist die meist unter Anwendung von Gewalt erzwungene Totaländerung der staatlichen Ordnung und ist fast immer auf die Einführung eines neuen politischen Systems und dem personalen Wechsel der Inhaber der Staatsgewalt ausgerichtet. Entscheidend ist, dass sich der Wandel außerhalb der vorgesehenen Rechtsformen des alten Systems, d. h. nach dessen Definition illegal vollzieht und stattdessen auf politischen und militärischen Kräfteverhältnissen beruht. Sie kann von zahlenmäßig kleinen Gruppen ausgehen, jedoch hängt ihr Gelingen von der Zustimmung der Bevölkerung ab; Zustimmung kann durch Volksabstimmungen, Volksentscheide, durch die Entscheidung von parlamentarischen Institutionen (Nationalversammlung), Massendemonstrationen, Massenstreiks, aber auch durch das Ausbleiben politischen Widerstands gegen die Revolutionäre erfolgen. Möglich ist, dass die Träger der Alten Ordnung bereits aufgegeben haben und die Revolution ein politisches Machtvakuum füllt. Das Ende der Revolution kommt mit der Beendigung des Angriffs oder der Stabilisierung der Macht. (Definition bei Wikipedia)

Mein Fazit: Revolution alleine ist auch keine Lösung!